 Abb.: Die Gertrud-Bäumer-Realschule an der Rotthauser Straße. Sie erhielt 1938 den Namen "Kirdorf-Schule, Städtische Oberschule für Mädchen", hier fanden nach 1945 unter Britischer Besatzung so genannte "Entnazifizierungsprozesse" statt.
Mit der Machtübergabe an die Nazis am 30. Januar 1933 begannen auch die "Veränderungen" im Schulalltag. So mussten die Schülerinnen und Schüler jeden Montagmorgen mit ausgestrecktem Arm strammstehen, während die Hakenkreuzfahne gehisst wurde. Danach mussten die beiden "Nationalhymnen", das "Deutschlandlied" und das "Horst Wessel-Lied", von den Versammelten intoniert werden. "Heil Hitler" wurde zum offiziellen Gruß - auch in den Schulen. Nach Hindburgs Tod 1934 wurden dessen Porträts in den Schulen durch solche von Adolf Hitler ersetzt. Zu dessen Reden an "das deutsche Volk" wurde der Unterricht unterbrochen. In der Aula versammelten sich Schüler und Lehrer, um der Rundfunkübertragung zuzuhören. Die Nazi-Ideologie fand zunehmend Eingang in den Schulunterricht. Lehrer drängten "arische" Schüler zum Eintritt in NS-Jugendorganisationen.
Jüdische Schülerinnen und Schüler erlebten täglich den nun staatlich geschürten Antisemitismus in den Schulen und von Seiten vieler nicht-jüdischer Lehrer. Die Diskriminierungen, Kränkungen und Benachteiligungen der jüdischen Jugendlichen sind ein Erfahrungshintergrund, den viele der Überlebenden schildern. Viele von ihnen mussten in der folgenden Zeit die schmerzliche Erfahrung machen, dass ihre "arischen" Schulfreunde sich von einem Tag auf den anderen von ihnen abwandten und plötzlich feindselig oder gar aggressiv reagierten. Auch in den Bildungseinrichtungen war die Etablierung einer Ausgrenzungsgesellschaft angekommen.
Abb.: Hakenkreuz und -fahnen waren auch in den Schulen des "Dritten Reiches" allgegenwärtig
Die antisemitischen Maßnahmen gegen jüdische Gymnasiasten und Studenten begann mit der "1. Verordnung zum Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen" vom 25. April 1933. Sie beschränkte die Zahl der Neuaufnahmen jüdischer Schüler an höheren Schulen und Hochschulen auf 1,5 %. Ausgenommen von dieser Regelung waren die Kinder von so genannten "Frontkämpfern" und ausländischen Staatsbürgern.
Die Behörden bzw. einzelne Schulleiter halfen der Verdrängung jüdischer Schüler aus den öffentlichen Schulen nach, um ihre Schulen "judenfrei" zu bekommen. Besuchten 1933 noch 75 Prozent der jüdischen Kinder öffentliche Schulen, so waren es Ende 1937 nur noch knapp 40 Prozent. Von den Verdrängungsmaßnahmen des Gewaltregimes betroffen waren auch jüdische Lehrkräfte. Das "Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" vom 7. April 1933 markierte den ersten großen Einschnitt im Leben jüdischer Beamter und somit auch Lehrer. Diese und andere politisch missliebige Beamte schieden so in der Folge aus dem Schuldienst aus.
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Für jüdische Kinder und Jugendliche war der Schulweg ab 1933 oftmals auch ein Angstweg
Gesetze, Verordnungen und Statistiken lassen nicht erahnen, welche Drangsalierungen jüdische Schüler:innen in den Jahren nach 1933 ertragen mussten. Sie wurden nicht nur von vielen Schulveranstaltungen und Vergünstigungen ausgeschlossen, sondern sahen sich vielfältigen Diskriminierungen durch nicht-jüdichen Lehrer:innen und Mitschüler:innen ausgesetzt. Verleumdung, Hasspropaganda und schrittweise Entrechtung bestimmten zunehmend ihren Schulalltag. Immer mehr Eltern jüdische Schülerinnen und Schüler sahen sich gezwungen, ihre Kinder von öffentlichen Schulen zu nehmen und sie in rein jüdische Einrichtungen zu schicken.
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Erlass des Reichskultusministers (1935):
"Eine Hauptvoraussetzung für jede gedeihliche Erziehungsarbeit ist die rassische Übereinstimmung von Lehrer und Schüler. Kinder jüdischer Abstammung bilden für (...) die ungestörte Durchführung der nationalsozialistischen Jugenderziehung auf den allgemeinen öffentlichen Schulen ein starkes Hindernis. (...) Ich beabsichtige daher, vom Schuljahr 1936 ab (...) eine möglichst vollständige Rassentrennung durchzuführen."
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Der Beschäftigung mit Kindern und Jugendlichen kam so in den jüdischen Gemeinden eine große Bedeutung zu, weil die Ausbildung und Bildung jüdischer Jugendlicher vom NS-Staat schon bald weiter eingeengt und reglementiert wurde. Viele Familien versuchten ins Ausland zu fliehen bzw. ihre Kinder zu retten, indem sie diese ins Ausland schickten. Der Verdrängungsprozess erfuhr nach dem Erlass der „Nürnberger Gesetze" Ende 1935 eine erhebliche Verschärfung, bis jüdische Schüler unmittelbar nach den Novemberpogromen 1938 endgültig aus dem öffentlichen Schulsystem ausgeschlossen wurden. Abb. links: "Schulunterricht an Juden", Verordnung vom 15. November 1938. Unmittelbar nach den Novemberpogromen wurde am 15. November 1938 jüdischen Kindern und Jugendlichen der Besuch deutscher Schulen endgültig verboten, da es "(...) keinem deutschen Lehrer und keiner deutschen Lehrerin mehr zugemutet werden, an jüdische Schulkinder Unterricht zu erteilen. Auch versteht es sich von selbst, dass es für deutsche Schüler und Schülerinnen unerträglich ist, mit Juden in einem Klassenraum zu sitzen. (...) Soweit es noch nicht geschehen sein sollte, sind alle zur Zeit eine deutsche Schule besuchenden jüdischen Schüler und Schülerinnen sofort zu entlassen.(...) “
Es war jedoch nicht nur der körperliche Schmerz, der jüdischen Schülern bei Schlägereien zugefügt wurde, sondern auch der Schmerz durch zerbrochene Freundschaften, der Schmerz der Hilflosigkeit und des Alleinseins, der das Leben der jüdischen Schülerinnen und Schüler während der NS-Zeit bestimmte.
Ihre Schulerfahrungen waren geprägt von Demütigung, aber auch von Gemeinschaft, Solidarität und dem Versuch, ein jüdisches Selbstbild zu bewahren, während sie sich auf Emigration durch Flucht vorbereiteten, wobei einige dem NS-Terror entkamen, während andere in der Folge ermordet wurden.
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HIER LERNTE: FELICIA 'FELLA' ISACSON
Als eines von sechs Kindern des Ehepaars Isidor und Flora Isacson erblickte Felicia, die von allen nur Fella genannt wurde, in Gelsenkirchen am 1. Juni 1917 das Licht der Welt. Isidor Isacon betrieb in Gelsenkirchen, Essen und Bochum einen florierenden Fischgroßhandel . Auch Tochter Fella sollte nach dem Besuch der Grundschule eine fundierte schulische Ausbildung erhalten und wurde auf das Lyzeum (heutige GBS) geschickt. Von dort wurde sie schon früh vertrieben - nur weil sie Jüdin war. Unter dem Verfolgungsdruck der Nazis stehend, zog die Familie im Mai 1933 nach Hamburg um. Der Fischgroßhandel sowie Immobilien des Unternehmers Isacson wurden in den folgenden Jahren "arisiert" - d.h. staatlich legitimiert geraubt
Fella war zwanzig Jahre alt, als sie vor den Nazis 1937 von Hamburg nach Holland floh. Sie heiratete dort in Velsen im Januar 1939 den aus Hamburg stammenden Gustav Walter Goldschmidt, Ende Dezember 1939 wurde Sohn Otto geboren. 1943 konnte die kleine Familie untertauchen und so den Holocaust überleben. Auch Fellas Geschwister gehörten zu den Überlebenden, die Eltern wurden hingegen von den NS-Verfolgungsbehörden in den Niederlanden verhaftet und im Lager Westerbork interniert. Von dort wurden Isidor und Flora Isacson am 25. Mai 1943 in das Vernichtungslager Sobibor verschleppt und am 28. Mai - dem Tag der Ankunft in Sobibor - in der Gaskammer ermordet. An Flora und Isidor Isacson erinnern seit 2012 an der Ringstraße/Ecke Wildenbruchstraße zwei Stolpersteine.
 Abb.: Jede Karteikarte aus der Kartothek des Judenrats in Amsterdam enthält persönliche Informationen über niederländische Staatsbürger*innen und im Land lebende Ausländer*innen, darunter viele Flüchtlinge aus Deutschland, die von den Nationalsozialisten als "jüdisch" kategorisiert wurden. Die hier gezeigte Karte (Arolsen Archives) wurde ausgestellt auf den Namen Fella Goldschmidt-Isacson, Fellas Ehemann Gustav Walter Goldschmidt, zwei Kinder werden genannt: Ruth, geb. 5. Januar 1932 in Hamburg und Otto, geb. 30. Dezember 1939 in Amsterdam. Fellas Berufsbezeichnung wird mit Schneiderin angegeben, ebenso findet sich der Vermerk zu ihrer Schulausbildung: Lyzeum. Durch ihren Ehemann Gustav Walter Goldschmidt galt sie als "gesperrt", war von den ersten Verhaftungen und Deportationen ausgenommen. So blieb der Familie Goldschmidt Zeit, um mit Hilfe unterzutauchen und so zu überleben.

Abb.: Letztes gemeinsames Treffen aller Angehörigen der Familien Gompertz und Isacson in Velsen, Holland. Das Foto entstand zwei Tage bevor Albert, Fritz und Rolf mit ihrer Mutter Betty Gompertz, geb. Isacson an Bord des Schiffes gingen, dass sie in die USA brachte - genau an dem Tag, als die Deutschen Polen überfielen. Von links nach rechts: stehend Fella Goldschmidt, daneben Rita und Ernst Heymanson, dann Betty, Albert und Leo Gompertz, Sophie and Max (Marcel) Isacson, Hilde and Herbert Isacson, Bep Weynshenk mit ihrem damaligen Verlobten Lutz Isacson. Auf der linken Seite, sitzend: Flora Isacson, Fritz Gompertz in der Mitte und rechts Isidor Isacson, dazwischen Ellen Heymanson und Rolf Gompertz.
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HIER LERNTE: ERNA SCHÖNENBERG
Im Juni 1939 konnte Erna Schönenberg nach Holland flüchten. Doch auch hier war sie - wie ihr Bruder Günter auch - vor der Verfolgung nicht mehr sicher, als die Nazis im Mai 1940 die Niederlande besetzten. 1942 wurde Erna Schönenberg von ihrem Wohnort Leeuwarden in das KZ-Durchgangslager Westerbork gebracht. In Westerbork heiratete sie am 16. Oktober 1942 den aus Tarnowitz stammenden Joseph Gradenwitz. Erna wurde am 30. November 1943 in Auschwitz, ihr Mann Joseph 1943 im Vernichtungslager Majdanek ermordet.

Abb.:: Günter Schönenberg (später George G. Shelton) mit Mutter Selma und Schwester Erna. Das Foto wurde am 17. August 1938 aufgenommen - einen Tag vor Günter Schönenbergs Flucht aus Nazi-Deutschland.
HIER LERNTE: ADELE ISSLER
Adele Issler wurde am 19. Juni 1915 in Gelsenkirchen geboren. Sie war eines von sechs Kindern des Ehepaars Josef und Lea Issler . Familie Issler hatte ihren Lebensmittelpunkt an der damaligen Hochstraße 73 (heutige Hauptstraße 73). Im Erdgeschoss des Hauses betrieb Familie Issler ein florierendes Geschäft, genauer ein Partiewarenhaus, handelte u.a. mit Damen- und Herrengaderobe, Schuhen, Wäsche und auch Schmuck. (Partiewarenhäuser - so nannte man damals Rest- und Sonderpostenmärkte).
Vor dem Hintergrund eines Überfalls in der Privatwohnung und der beständig zunehmenden - auch wirtschaftlichen - Boykott- und Verfolgungsmaßnahmen des NS-Regimes gegen Juden wurde das Geschäft der Familie Issler 1934 schließlich zwangsversteigert. Isslers waren verfolgungsbedingt gezwungen, ihren bisherigen Lebensmittelpunkt an der Hauptstraße 73 aufzugeben und zogen im Sommer 1933 in eine Zweizimmerwohnung an der Schalker Straße 42.
Adele Issler besuchte von 1925 - 1929 die israelitische Volksschule an der Ringstraße und von 1929 - 1934 das städtische Lyzeum Gelsenkirchen. Im September 1934 ging sie nach Köln und kehrte im Juni 1935 in die Schalker Straße 42 zurück. Im November 1935 zog sie um nach Leipzig. 1936 floh Adele Issler nach Palästina. Sie heiratete Kurt Götz, das genaue Datum ihrer Hochzeit ist derzeit nicht bekannt.

Abb.: Grabstein Ehepaar Adele und Kurt Götz, King Solomon Memorial Park, Clifton, Passaic, New Jersey, USA (Find a Grave: https://de.findagrave.com/ Abruf 12/2025)
HIER LERNTE: MARGOT ALEXANDER
Margot wurde am 14. Oktober 1921 in Bonn als Tochter von Carola und Fritz Alexander geboren. Ihr Vater starb, als sie zwei Jahre alt war, und ihre Mutter heiratete drei Jahre später den in Gelsenkirchen lebenden Kaufmann Sally Haase und fügte der Familie Bruder Bernd und Schwester Ingrid hinzu. Als die sich verdüsternde politische Lage in Deutschland ab 1933 das Leben für Juden immer schwieriger machte, half ihr eine Tante in den USA, 1938 nach New York City zu fliehen.
Margot liebte ihr neues Land mit all seiner Freiheit und seinen Möglichkeiten. Hier lernte sie 1942 die Liebe ihres Lebens kennen, Werner Moritz, einen deutschen Einwanderer, der in der US-Armee diente. Obwohl er bald nach Washington, D.C., versetzt wurde, hielt ihre Liebe an, und sechs Monate später, am 2. Januar 1943, heirateten sie in New York während seines Urlaubs. Das Paar lebte in Alexandria, VA, bis Werner nach Übersee verlegt wurde und Margot nach New York zurückkehrte. Nach dem Krieg lebten sie in New York City, wo Werner sein eigenes Geschäft eröffnete und sie zwei Kinder, Joan und Paul, bekamen. Die Familie zog 1954 nach Teaneck, NJ, und zog 1962 endgültig nach Charlotte/NC. Margot Alexander Moritz ist am Samstag, den 17. Februar 2013, in ihrem Haus verstorben. Sie wurde 91 Jahre alt.

Abb.: Grabstein Ehepaar Werner und Margot Moritz, Hebrew Cemetery Charlotte, Mecklenburg County, North Carolina, USA (Find a Grave: https://de.findagrave.com/ sowie https://www.dignitymemorial.com/ (Abruf 12/2025)
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